Medizinische Bewegungsanalyse für Läufer

von Dr. med. Matthias Marquardt

Laufen ist Volkssport. Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Viertel der Deutschen regelmäßig die Laufschuhe schnürt. Was die wenigsten wissen: Fast zu 50 % dieser Aktiven ziehen sich wenigstens einmal im Trainingsjahr laufspezifische Beschwerden zu. Die Therapie dieser Beschwerden ist oftmals unzureichend und führt auf Seiten der Aktiven wie auf Seiten der Therapeuten zu Frustrationen. Die moderne, medizinische Bewegungsanalyse kann helfen, die Beratung von Läufern auf eine gesicherte Basis zu stellen.

Im Vordergrund der typischen Läuferbeschwerden stehen keine Unfallverletzungen oder Verschleißprobleme, sondern rein funktionelle Beschwerden wie Achillessehnenentzündungen, Knieschmerzen und Schienbeinkantenreizungen. Laufen ist eben eine high-impact-Sportart und sie wird gerade von den Menschen betrieben, die aufgrund ihrer modernen Lebensgestaltung mit Bürotätigkeiten der Arbeit am PC körperlich am wenigsten dafür vorbereitet sind. Im Falle von Beschwerden übersteigt die Belastung des Trainings die aufgrund der oben beschriebenen Faktoren verminderte Belastbarkeit des Sportlers. Zur Lösung dieses Dilemmas bleiben zwei Möglichkeiten:

  • Möglichkeit 1:
    Reduktion der Belastung. Reduziert der Sportler sein Laufpensum von beispielsweise 30 km auf 20 km pro Woche, so ist in den allermeisten Fällen mit einer Verringerung der Beschwerden zu rechnen. Ein bei Läufern sehr unbeliebter Ansatz.
  • Möglichkeit 2:
    Steigerung der Belastbarkeit. Eine Optimierung  
    der Lauftechnik und Trainingsprogramme sowie der Schuh- und Einlagenversorgung ermöglicht es, die Belastbarkeit des Sportlers zu erhöhen. 

Probleme in der klassischen Beratung von Läufern

Die Optimierung der Belastbarkeit basiert aber auf einer Analyse der Laufbewegung, die in der heute üblichen Beratung kaum stattfindet. Aktive Laufsportler werden entweder in Schuhgeschäften oder in ärztlichen Sprechstunden beraten. Zwar wird in Laufgeschäften regelmäßig eine Videoanalyse angeboten. Diese bezieht sich allerdings lediglich auf den Sprunggelenksbereich und betrachtet keinesfalls das gesamte Bewegungssystem des Läufers, geschweige denn seine Lauftechnik. Und in der orthopädischen Arztpraxis wird der Läufer in aller Regel statisch untersucht, da auf einer Behandlungsliege natürlich keine Analyse der Laufbewegung stattfinden kann.

Optimale Beratung mit Bewegungsanalyse

Insofern klafft hier eine Versorgungslücke größeren Ausmaßes, die nur von Bewegungsanalysten geschlossen werden kann, die sich den Bewegungsablauf des Sportlers in allen Körpersegmenten analysieren und in Bezug zu seinen Beschwerden setzen. Nur so wird künftig eine ordentliche Versorgungsqualität der wohl größten Sportlergruppe Deutschlands möglich sein. Wir stellen Ihnen hier an einem Fallbeispiel (Clemens Coenen, 8. Platz Ironman-Europameisterschaft 2006) einen Auszug aus dem Beratungs- und Analysesystem von Dr. Marquardt vor. Clemens Coenen stellte sich mit einem Instabilitätsgefühl im rechten Bein vor und wollte seine Schuhversorgung angepasst wissen. Aus Sorge um eine möglicherweise verstärkte Eindrehbewegung des Knöchelgelenks (Überpronation) trug der Sportler spezielles Schuhwerk mit einem Stützsystem an der Innenseite.

Analyse der Fußstabilität

Leicht verstärkte Eindrehbewegung des Fußes (Überpronation). 
Der übliche Achillessehnenwinkel von 7 bis 11 Grad ist hier auf 13-14 Grad vergrößert.

Analyse des Kniebewegungsmusters

Die Verfolgung der Kniescheibenspitze während eines vollständigen Bewegungszyklus zeigt auf der rechten Körperseite (links im Bild) eine deutliche Einwärtsbewegung (medialisiertes Kniebewegungsmuster).

Analysen der Becken- und Wirbelsäulenstabilität

Linkes Bild: Deutliches Abkippen des Beckens in der rechten Stützphase nach links (Trendelenburgzeichen) sowie eine Neigung des Oberkörpers in der rechten (Duchenne-Zeichen). Rechtes Bild: Normalbefund in der Stützphase links.

Diagnose

Es handelt sich bei den Befundkonstellationen um ein Kraft- und Koordinationsdefizit der hüftstabilisierenden Muskulatur rechts. Die leichte Überbeweglichkeit im Sprunggelenksbereich ist nicht verantwortlich für die Instabilität des rechten Kniegelenks. Vielmehr führt die mangelnde Stabilität des Hüftgelenkes rechts zur Fehlbewegung des rechten Kniegelenkes. Erklärend für diese Befunde war ein operativer Eingriff im Bereich der Hüfte rechts nach einem Arbeitsunfall. Zum Zeitpunkt der Analyse war noch kein physiotherapeutisches Rehabilitationstraining durchgeführt worden.

Therapie

Auf Basis der bewegungsanalytisch erhobenen Befunde wurde ein therapeutisches Konzept aus Kraftübungen für die Hüftabspreizer sowie Hüftaußenrotatoren beschlossen. Hierfür kam neben üblichen Kraftübungen am Gerät und mit dem eigenen Körpergewicht vor allem das Koordinationstraining auf dem Posturomed-Gerät zum Einsatz. Laufspezifisch ergänzt wurde das Training um regelmäßige Übungseinheiten im Lauf-Abc. Die Schuhversorgung spielte für die Probleme des Läufers eine untergeordnete Rolle, es wurde hier ein handelsüblicher Laufschuh ohne spezielle Einlagenversorgung angepasst.

Entscheidend: Das Lauflabor.

Um Läufer auf einem solchen Niveau beraten zu können, ist ein optimal ausgestattetes Lauflabor von großer Bedeutung. Wichtig ist ein Laufband, das über einen Vor- und Rückwärtsgang mit laufsporttypischen Geschwindigkeiten verfügt, da nur so das Kniebewegungsmuster der Läufer aufgezeichnet werden kann. Außerdem ist die Breite der Lauffläche bedeutsam, um den Sportlern ein sicheres Laufgefühl zu vermitteln.
Die Kameras des Labors müssen sich in ausreichendem Abstand vom Laufband befinden. Insbesondere hinter dem Laufband müssen zwei Meter gesetzlich vorgeschriebener Sturzraum eingehalten werden. Damit die Kameras mit kurzen Blendenöffnungszeiten operieren können, muss für eine gute Beleuchtung des Labors gesorgt werden. Wenigstens zwei bis vier Halogenstrahler aus allen Richtungen sind hierfür erforderlich.
Das Herzstück bildet dann die Bewegungsanalysesoftware, die das Ausmessen und Darstellen der Bewegungen in Zeitlupe sowie in Standbildern ermöglicht. Hochwertige Softwareprodukte haben das Analyseschema nach Dr. Marquardt bereits in den Grundeinstellungen hinterlegt.

Analysten bedürfen einer guten Ausbildung.

Natürlich sind die Ergebnisse einer bewegungsanalytischen Untersuchung nur so gut wie der Analyst, der die Auswertung vornimmt. Strukturierte Unterrichtskonzepte befähigen innerhalb von einer Woche zum eigenständigen Analysieren von Laufsportlern. In einer Ausbildung zum Bewegungsanalysten sollte neben der anatomisches Markierung des Sportlers ganz besonders die praktische Analysedurchführung geschult werden. Hierbei ist auf eine strukturierte Auswertung des Laufstils sowie aller relevanten Winkel zu achten. Wirklich entscheidend ist aber nicht nur das Herausarbeiten von belastbaren Ergebnissen, sondern das sich daraus ergebende therapeutische Konzept. Sinnvolle therapeutische Wege, die dem Laufsportler je nach Bedarf angeboten werden sollten, sind Lauftechnikschulung, Kraft- und Koordinationsprogramme sowie die professionelle Anpassung von Laufschuhen und orthopädischen Einlagen anhand der Bewegungsdaten.
Die Zielsetzung der modernen Bewegungsanalyse im Netzwerk der Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen ist somit der zufriedene, schmerzfreie Kunde, der zu dem auch noch schneller laufen kann. Der oben zitierte Behandlungsfall Clemens Coenen wurde zwei Jahre nach seiner sportorthopädischen Betreuung Amateurweltmeister beim Ironman auf Hawaii.

Über den Autor

Dr. med. Matthias Marquardt – Marathonläufer und Triathlet – arbeitet in der internistischen Abteilung einer Hannoveraner Klinik und in seiner Privatpraxis für Bewegungsanalyse und Leistungsdiagnostik. Mit seiner Firma natural running bietet er Lauf- und Ausbildungsseminare an. Dr. Marquardt hat das umfangreichste Laufbuch auf dem deutschen Markt, „Die LAUFBIBEL“, veröffentlicht.


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