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Orthopädische Einlagen

Wem nutzen sie? Wem schaden sie?

Einige schwören drauf, viele Läufer verfluchen sie – die orthopädische Einlage. Was mit primitiven Schuhzurichtungen vor Jahrhunderten begann, ist zum Hightech-Produkt geworden. Doch Einlagen erzielen nur dann ihre Wirkung, wenn sie auf die Bedürfnisses des Trägers abgestimmt wurden.

Warum das einfache Rezept vom Arzt nicht ausreicht.

„Schmerzen am Knie? Ich schreib Ihnen da mal eine Einlage auf“, so tönt es oft in Arztpraxen. Noch einmal den Fuß in den Trittschaum gestellt und wenige Tage später kann der Patient sich seine „individuelle Einlagenversorgung“ abholen. Was viele Sportler nicht wissen: Auf dem Rezept steht immer der gleiche Text (Diagnose: „Knick-Senk-Spreizfuß“), der Trittschaum wird oft nur zum Ausmessen der Fußlänge benutzt. Der Orthopädietechniker nimmt den passenden Einlagenrohling aus dem Regal und versieht diesen mit seinem Bezug.

So ist es wie so oft im Gesundheitssystem: Was für den Normalbürger noch passen mag, wird den anspruchsvollen Triathleten kaum zufrieden stellen. Schlimmer noch, eine solche Standardversorgung kann ihm sogar schaden. Weil die 08/15-Einlage stets eine Stütze des Fußlängsgewölbes vorsieht, erhalten auch O-beinige Läufer immer wieder eine solche Unterstützung der Fußinnenseite. Und man muss kein Biomechaniker sein, um zu verstehen, dass ein O-Bein, das innen unterstützt wird, sich verstärkt. Leider führt das zu einer Mehrbelastung des ohnehin stark belasteten inneren Kniegelenksanteils. Ein irreparabler Gelenkverschleiß kann die Folge sein.

Eine wirklich individuelle Beratung tut also unbedingt not. Einziger Haken: Diese kostet Zeit. Und Arbeitszeit ist in unserem hochentwickelten Land das teuerste Gut überhaupt. Zuerst muss der Sportler vollständig untersucht und es muss eine klare Indikation gestellt werden. Prinzipiell sind nämlich zahlreiche Beschwerden – von Fersensporn über Kniegelenksschmerzen bis hin zu Rückenschmerzen – mit Einlagen therapierbar, aber nur, wenn der biomechanische Zusammenhang und die Wirkungsweise der Einlage auch begründ- und nachvollziehbar sind. 

Nehmen wir als Beispiel einen Läufer mit Schmerzen an der Kniescheibe. Diese können durch eine Fußfehlstellung, wie dem schon zitierten Knick-Senk-Spreizfuß, ausgelöst werden. Sie können aber auch durch eine sitzende Laufhaltung ausgelöst werden, bei deren Therapie eine Einlagenversorgung gar nicht helfen kann. Wenn die Einlage im ersten Falle indiziert ist, so ist sie im zweiten Beispiel nicht sinnvoll, da eine Änderung der Biomechanik schlimmstenfalls sogar andere Probleme auslöst.

Wie die richtige Einlage für Sie entsteht.

Beim Stellen der Indikation ist man zwingend auf die ausführliche Untersuchung und Befragung des Patienten angewiesen, bevor mit einer elektronischen Fußdruckmessung die exakte Fußform und -stellung festgelegt wird. Experten unterscheiden bei Füßen mit flachem Gewölbe nämlich einen Senkfuß von einem abgesenkten Hohlfuß. Das Bild ist ähnlich, die auftretenden Beschwerden und die Muskelspannung im Fuß aber ganz unterschiedlich. Alsdann ist die Durchführung einer Bewegungsanalyse obligat. Denn nur, wenn ich neben der Fußstellung die Beinachse und die Beckenstellung untersucht habe, kann ich die Funktionselemente einer Einlage so setzen, dass diese auch auf Fehlstellungen wie ein O-Bein korrekt Einfluss nehmen können. Außerdem muss ich den Laufstil beurteilen, um zu erkennen ob die Beschwerden eventuell lauftechnikbedingt sind (oft bei Knieschmerzen der Fall) oder ob der Läufer eigentlich Vor- oder Rückfußläufer ist. Beides würde unterschiedliche Macharten der Einlage nach sich ziehen.

Und damit wären wir schon bei der eigentlichen Hauptarbeit, die Arzt und Orthopädietechniker unter Berücksichtigung der Bewegungsanalysebefunde leisten müssen: Die Festlegung der Funktion der Einlage. Denn diese ist wie eben besprochen keineswegs immer gleich. 

Grundsätzlich gibt es zwei Philosophien, nach denen Einlagen beschaffen sein können. Die konventionelle orthopädische Einlage sowie die sensomotorische Einlage. Erstere unterstützt die Fußgewölbe mit einer Längs- und Quergewölbestütze im Sinne einer Formgebung („Du hast kein Gewölbe? Ich mach Dir eins!“). Läufer reagieren hierauf oft mit Druckstellen. Theoretisch wären auch hier Anpassungen mit Keilen unter der Einlage möglich, die beispielsweise bei einer Supination (Außenkantenbelastung) hilfreich wären, aber leider erfolgen diese Anpassungen nur höchst selten, da der Standardrohling eben so etwas nicht vorsieht. Die Alternative ist die sensomotorische Einlage. Sie funktioniert über die Beeinflussung der Muskelspannung am Fuß. Alle Muskeln werden in ihrer Spannung vom zentralen Nervensystem eingestellt. Nähert man bei einem Muskel Ursprung und Ansatz an – dies ist zum Beispiel beim Kraulbeinschlag für die Wadenmuskeln der Fall – so muss das ZNS die Grundspannung im Muskel hochregulieren, damit der Muskel überhaupt arbeiten kann. Wird unter der erhöhten Grundspannung dann noch der Beinschlag trainiert, kommt es leicht zum Krampf. In einem solchen Falle würden Sie Ihren Muskel dehnen (Ursprung und Ansatz voneinander entfernen), so dass das ZNS die Muskelspannung herunterreguliert. Der Krampf lässt dann nach.

Ähnliches bewirkt die sensomotorische Einlage am Fuß: Die Fußmuskeln werden über Erhebungen der Einlage (Fachjargon: „Pelotten“) entweder verkürzt oder gedehnt, so kann die Spannung von Fußmuskeln gesteigert oder gesenkt werden. Dass dieses Prinzip kein Hokuspokus ist, weiß man aus der Versorgung von Spastikern, die einen überschießend hohen Muskeltonus haben. Dehnt man ihre Zehenmuskeln über eine Erhöhung der Zehenauflagefläche mit einem Zehensteg, so lässt die Spastik nach. Dieses Verfahren wird heute täglich klinisch angewendet.

Auch beim Sportler ist das möglich. Und so macht es für die Wahl der Funktion einer Einlage eben einen großen Unterschied, ob jemand unter einem Fersensporn aufgrund eines Hohlfußes mit hohem Muskeltonus leidet (das Gewölbe ist hohl, weil die Fußsohlenmuskeln so verkrampft sind) oder unter einem „schlaffen“ Senkfuß. Bei erstem würde man mit Funktionselementen ähnlich wie bei neurologischen Patienten die Fußmuskeln entspannen. Im anderen Falle würde man die gewölbestabilisierenden Muskeln des Fußes aktivieren, indem man Ursprung und Ansatz einander annähert. Auch dies geschieht über eine Pelotte an der richtigen Stelle.

Der Aufbau einer Einlage:

Nun müssen die Funktionselemente noch genau an die richtige Stelle des Fußes gebracht werden, denn nicht jeder Fuß mit Größe 44 benötigt eine Pelotte zur Muskelaktivierung im Längsgewölbe am gleichen Punkt. Es muss also individuell zugeschliffen werden. Was eigentlich selbstverständlich ist, kostet jedoch Zeit und Geld und wird so zur Rarität in unserer Versorgungslandschaft.

Auch die Materialien müssen unbedingt den Gegebenheiten des Sportlers angepasst werden: Kork-Leder wird durch Schweiß hart und brüchig. Es ist auch viel zu schwer. Einlagen mit Carbon und Plexidur sind eventuell leichter und suggerieren maximalen Support, sie führen aber in aller Regel gerade beim Sport zu Blasenbildung. Ich empfehle stets EVA, das auch in Laufschuhen seit Jahrzehnten fast ausnahmslos verwendet wird: Es ist ein leichtes, schweißbeständiges, ideal anzupassendes und flexibles Material. Daraus sollten Sporteinlagen gemacht werden.  

Und zuletzt ist natürlich die Einlage in den korrekten Schuh zu bringen. Grundsätzlich gilt: Einlagen kommen in neutrale Trainingsschuhe, allenfalls Lighttrainer. Andere Schuhe (natural, Wettkampf) sind nicht stabil genug. Pronationsstützen sollten nur auf ausdrückliche Anordnung eines Arztes mit einer Einlage kombiniert werden. Mit der Schuhauswahl ist es aber nicht getan. Die Einlage muss in den Schuh „eingeschliffen“ werden. Immer wieder sieht man Einlagen, die einfach nach der Fußlänge zugeschnitten wurden, ohne den Schuh zu sehen. Diese sind dann im Laufschuh gerne 1 cm zu kurz, weil Laufschuhe größer gekauft werden. Die Einlagen rutschen dann und können nicht funktionieren. Also muss der Schuh zur Anpassung der Einlage vorliegen!

Manchmal ist es ohne sogar besser.

Da diese Versorgung viel Zeit benötigt, ist sie teuer (etwa 200 Euro je Einlage), was natürlich Begehrlichkeiten weckt und die sensomotorische Einlage schon lange nicht mehr zum rettenden Ufer macht. Denn auch sie wird unlängst standardisiert angeboten. Da werden fertige Rohlinge nur oberflächlich nachgearbeitet und nicht individuell angepasst – und plötzlich laufen Sportler mit „schlaffen Senkfüßen“ mit detonisierenden Funktionselementen im Schuh herum, die ihr Problem nur verschlimmern.

Es ist also alles nicht so einfach. So konnte ich mich früher überhaupt nicht für Einlagen erwärmen, und heute nur unter den oben genannten professionellen Spielregeln. Und ich vertrete auch heute noch die Meinung, dass orthopädische Einlagen nur einer Minderheit von Läufern helfen. Oftmals schaden sie sogar (Stichwort: O-Bein). Ich musste aber lernen, dass einige Krankheitsbilder (vor allem Fersensporn und Achillessehnenprobleme, einige wenige Knie- und Rückenprobleme) gut mit wirklich individuell angepassten Einlagen zu behandeln sind, wenn sie die oben geschilderte differenzierte Diagnostik zur Grundlage haben. 

Die Aufgabe einer professionellen Beratung ist es daher vor allem herauszufinden, ob der Sportler tatsächlich von einer Einlage profitieren kann. Erst nach eingehender Diagnostik sollte dies entschieden werden. So kommt es, dass nur etwa 15% meiner Patienten die Praxis mit einem Einlagenrezept wieder verlassen.

Wenn orthopädische Einlagen, dann:

  • Sensomotorische Einlagen. 
    Aktivieren/entspannen die Fußmuskulatur.
  • Bewegungsanalyse im Vorfeld. 
    Ein Fußabdruck reicht nicht aus!
  • Maßanfertigung. 
    Oder glauben Sie, alle Füße sind gleich? 
  • Neutraler Schuh. 
    Sonst Gefahr der Überkorrektur.

Wann nutzt Dr. Marquardt orthopädische Einlagen?

Bei Schmerzen durch typische Fehlstellungen:

  • Knickfuß
  • Senk- und Plattfuß
  • Spreizfuß
  • X-Bein, O-Bein
  • Fersensporn
  • Überpronation
  • Nicht zur Prophylaxe.
    Einlagen können nicht nur Beschwerden lindern, sondern auch auslösen!
  • Nicht bei unklaren Beschwerden, 
    die noch nicht mittels Bewegungsanalyse untersucht wurden.
  • Nicht bei Beinlängendifferenzen. 
    Beim Laufen ist stets ein Bein in der Luft – eine Optimierung der Beckenposition ist nur über Stabilisierungsmuskeln möglich.

Einlagen, ja oder nein?


Ob auch Sie eine benötigen, das kann nur der Fachmann entscheiden. Eine ausführliche Untersuchung und Analyse Ihres Körpers sowie Ihres Bewegungsablaufs ist eine Grundvoraussetzung, um diese Frage sicher beantworten zu können. In diesem Video erklärt Ihnen Dr. Marquardt, worauf es ankommt. 

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